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Westdeutsche Zeitung, Mittwoch, 27. Juni 2018

Wenn sich Arbeit und WM in die Quere kommen

Heute Anpfiff im Büro? Oft teilen Arbeitgeber die Fußballbegeisterung ihrer Mitarbeiter.
Von Ellen Schröder und Tobias Hanraths

Foto: dpa

Düsseldorf. Nach dem Zittersieg gegen Schweden wollen viele Fußballfans heute Nachmittag ab 16 Uhr das WM-Spiel gegen Südkorea auf keinen Fall verpassen – auch wenn sie noch arbeiten müssen. Darf man das Spiel im Büro anschauen? „Rechtlich ist die Lage klar“, sagt Dr. Wolfgang Fell, Fachanwalt für Arbeitsrecht, in Düsseldorf: „Solange der Chef nicht erlaubt hat, das Spiel am Bildschirm zu verfolgen, muss gearbeitet werden, da darf die Übertragung auch nicht nebenbei laufen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man für einen Livestream die Firmentechnik oder das Smartphone benutzt.“ Viel Spielraum erlaubt der Arbeitgeber nicht. Wolfgang Fell: „Der Arbeitnehmer hat sich im Arbeitsvertrag verpflichtet, die vereinbarte Arbeitsleistung zu erbringen, und muss sich daher während der Arbeitszeit grundsätzlich auf seine Arbeit konzentrieren, darf sich also nicht über fast zwei Stunden ablenken lassen. Das gilt nicht nur für Krankenhäuser oder Produktionsbetriebe, sondern auch für alle typischen Bürojobs.“ Daher rät der Arbeitsrechtler davon ab, „heimlich“ das Spiel zu sehen, dies wäre eine Verletzung des Arbeitsvertrages, die abgemahnt werden kann. „Am besten stimmen sich die Fußballfans mit ihrem Chef ab, wie der Betriebsablauf aufrechterhalten werden kann, die ausgefallene Zeit kann ja auch nachgearbeitet werden. In vielen Fällen werden sich dann Lösungen ergeben.“ Entscheidend sei, was betriebsüblich ist. Oft teilen Arbeitgeber und Mitarbeiter natürlich die Fußballbegeisterung und sind großzügig. Wenn es etwa immer schon erlaubt ist, während der Arbeitszeit Radio zu hören, kann man auch Fußball im Radio verfolgen. Ist das private Surfen auf der Arbeit sonst erlaubt, spricht vermutlich nichts gegen einen gelegentlichen Blick auf den Live-Ticker – wenn es die Arbeitsleistung nicht beeinträchtigt. Und natürlich kann das WM-Gucken auch ausdrücklich erlaubt sein, per Rundmail vom Chef etwa. Manche Arbeitgeber stellen für die großen Spiele sogar einen Fernseher oder einen Beamer auf. Die Volksbank Düsseldorf Neuss hat ihren eigenen Weggefunden: Sie öffnet heute bis 14 Uhr und schließt dann am Nachmittag. Das Kundenaufkommen während des Spiels sei gering, außerdem wolle man den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, die deutsche Elf anzufeuern, bestätigte gestern eine Sprecherin. Ist Dienstkleidung oder Anzug Pflicht, darf man übrigens kein Trikot anziehen. Aber auch wenn es legerer zugeht, sollte man das absprechen. Blaumachen ist indes keine gute Idee: Fehlt jemand unentschuldigt, kann das das Arbeitsverhältnis gefährden.


WDR: Aktuelle Stunde

Im Beitrag "Europäischer Gerichtshof zum kirchlichen Selbstbestimmungsrecht" wurde Herr Dr. Fell als Experte zur Entwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts befragt. In dem WDR-Bericht von Jan Hofer, der am 27.02.18 in der Aktuellen Stunde ausgestrahlt wurde, geht es um den vor dem europäischen Gerichtshof anhängigen Kündigungsrechtsstreit zwischen der katholischen Kirche und einem ihrer Arbeitnehmer.

WDR-Interview mit Dr. Wolfgang Fell

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle-stunde/video-europaeischer-gerichtshof-zum-kirchlichen-selbstbestimmungsrecht-100.html